Bibliothek & Schule, Lesefördernde

Hoch hinauf 2022 zu den „Büchertürmen“ in Brandenburg

Das neue Jahr macht Lesen zum Maßstab. Mit der Aktion Büchertürme bekommen Grundschulen die Aufgabe gestellt, ein Bauwerk aus der eigenen Stadt oder Gemeinde zu erlesen und nachzubauen. Die Idee feierte 2021 ihr zehnjähriges Bestehen und dockt nun zum ersten Mal in Brandenburg an. Initiiert hat die Büchertürme die Wahl-Hamburger Schriftstellerin Ursel Scheffler („Kommissar Kugelblitz“). Der Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Brandenburg integriert das Konzept in seine Literaturbegegnungen für junges Publikum. Schulen können Lesungen gewinnen.

Die Auswahl ist groß, denn Türme hat Brandenburg genug zwischen Prignitz und Elster, zwischen Oder und Havel. Den Oderturm in Franfurt etwa, den Münzturm in Cottbus, den Bismarckturm in Burg im Spreewald, den Steintorturm in Brandenburg an der Havel – oder doch lieber die Friedenswarte auf dem dortigen Marienberg? So markant braucht das Wahrzeichen gar nicht zu sein, um als Bücherturm groß rauszukommen. Der Auftrag lautet: Zuvor gelesene Bücher in möglichst vergleichbare Höhe zu stapeln, in Teamarbeit, mit der gesamten Klasse oder Schule. Sämtliche Genres sind erlaubt, alles, was Text hat. Bei hohen Gebäuden ist Umrechnen zulässig, bei Nicht-Türmen als Vorbildern wird der Bücherstapel 1:1 genommen. Mit den Harry Potter-Bänden wäre der Sockel somit schon im Werden und auch Fans von Lustigen Taschenbüchern und Mangas können als Baumeister ihren Beitrag leisten. Nur Hörbücher sind nicht zulässig.

„Den Turm habe ich gewählt, weil es Kindern hilft, Dinge zu visualisieren.“

Ursel Scheffler

Der erste seiner Art war der Hamburger Michel. Inzwischen sind bundesweit über 760.000 Bücher gelesen worden und in die Höhe gewandert. Aus Brandenburg waren 2017 die Bibliothek und die Grundschule Borgsdorf, einem Stadtteil von Hohen Neuendorf (Oberhavel), als Vorreiter dabei. Berlin schickte fünf Büchertürme ins Rennen, zuletzt 2021 den Kirchturm der Pauluskirche im Bezirk Zehlendorf. Dessen Bücherturmzwilling ist noch im Wachsen. Als Schirmherrin firmiert die Autorin und Illustratorin Ute Krause („Minus Drei“), die in der Ecke Berlins wohnt.

Schleswig-Holstein verlagerte sich auf grüne Türme, heißt: Sogar Bäume waren zulässig, und untertitelte die Kampagne mit „unter Blättern blättern“. Ein Spin-Off, das Ursel Scheffler gut gefiel. Überhaupt hat sie nichts gegen das Hinzufügen neuer Superlative. „Kinder lieben Superlative. Deshalb finde ich es richtig, dass man die Büchertürme misst und die Messungen dokumentiert.“ Pädagogisch brachte ihr das Kritik ein, weil es das Prinzip Kompetenz statt Leistung äußerlich umkehrt. Ein Vorwurf, mit dem Ursel Scheffler leben kann, sie „liest“ die Aktion nicht als Entweder-oder, sondern als Sowohl-als auch.

Als die Autorin 2011 mit der Idee an den Start ging, war die Vorstellung monatelanger Schulschließungen vollkommen abwegig. Dass gerade im zehnten Jahr, die das Leseförderungsprogramm besteht, der Regelbetrieb an Schulen und damit das Lernen der Kinder derart ausgebremst wurde, lässt Ursel Scheffler gegenwärtig umso intensiver für das Medium Buch trommeln. „Leseförderung ist seit Corona noch wertvoller geworden weil Lesen Empathie und Zuwendung bedeutet.“ Angst und Unsicherheit würden vorübergehen, zeigt sie sich kämpferisch, dabei helfe ein gesundes Selbstbewusstsein. Das entwickle sich etwa mit dem eigenen Wortschatz, der Fantasie und der Fähigkeit, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Wer in eine Geschichte eintauchen kann, kehrt resilienter in die Realität zurück.

Klingt einfach. Die 83-Jährige weiß jedoch um die Realität, und dass die Pandemie Kinder isoliert und Defizite verschärft hat. Bildungsgerechtigkeit als Ideal ist so weit entfernt wie lange nicht. Ursel Scheffler ist offen dafür, den Radius der Büchertürme zu vergrößern. Über den eigenen Schulhof hinaus in die Stadt, wo etwa die öffentliche Bibliothek einbezogen werden kann, das Familienzentrum, der Sportverein. Mit dem Kirchturm als Lesemarke bekommt vielleicht die Gemeinde Lust, mitzutun, und wenn das Feuerwehrgerätehaus Pate steht, gibt es vielleicht dort lesende Unterstützung. Gewertet werden in erster Linie die Buchmeter der Grundschulkinder. Einbezogen sind letztlich aber alle. „Bücher brauchen Beine“, findet die Initiatorin, „Menschen, die sich als Lesefördernde engagieren, die es selbst lieben, zu lesen, und die diese Begeisterung für Bücher Kindern vorleben. Ein Buch im Regal ist keine Leseförderung.“ Hat sie einen Tipp, mit welchem Titel der Einstieg gelingt? Scheffler hat sogar zwei, nämlich erstens, dass ein preisgekröntes Kinderbuch nicht automatisch auch in der Leseförderung funktioniert, und dass zweitens „die Geschichte dem Kind gefallen muss, nicht den Eltern. Mir hat mein Vater früher die Romane von Adalbert Stifter zu lesen gegeben“, sagt sie. „Ich las gern. Den Stifter fand ich furchtbar.“

Tanja Kasischke // Fotos: Ursel Scheffler (priv.)