AusLESE 2020

Will Gmehling: Nächste Runde. Peter Hammer, 176 Seiten, 14 Euro.

Da ist der Name Programm. Die preisgekrönte Geschichte der Bukowski-Geschwister geht in die nächste Runde. Die Fortsetzung funktioniert auch, wenn man Band eins noch nicht kennt, dann ist die Überraschung angesichts des angenehm unaufgeregten Erzähltons größer. Mit Vorwissen lässt sich die Magie zwischen den Zeilen dafür schneller entschlüsseln. Seit dem Sommer hat sich wenig getan bei den Kindern. Alf schwärmt weiter für Johanna aus seiner Klasse, Katinka paukt Französischvokabeln, um als Model nach Paris zu gehen, Robbie ist, wie er ist. Dann beginnt Alf, Kickboxen zu trainieren. Ein von Gmehling wohl gewähltes Bild dafür, dass Austeilen nur geht, wenn man bereit ist, auch mal einzustecken, und das eine ziemlich reife Erkenntnis darstellt. Als Mama Bukowski ihren Job verliert – ein Thema, das im Jahr 2020 viele Familien unvorbereitet getroffen haben düfte – bekommt das Durchboxen eine weitere Deutungsebene. Das ist plötzlich die Stunde des Jüngsten. Die Erzählung zeigt, wie viel Mündigkeit man Kindern zutrauen kann. Und sollte.
empfohlenes Lesealter: Kl. 3/4
Schlagworte: Familie, Selbstbewusstsein, Armut, Außenseiter, Ehrgeiz, Träume, Traumberuf, Sport

Antje Herden: Parole Teetee. Tulipan, 208 Seiten, 13 Euro.

Teetee mit dem lila Turban ist die gute Seele im Kiez. Sie könnte Mary Poppins‘ Großmutter sein mit ihrer magischen Tasche, die auf wundersame Weise immer das enthält, was gerade gebraucht wird. Mal ein Pflaster, mal eine Backrezept, mal ein Reimelexikon. Wie Mary Poppins eines Tages verschwindet, nachdem sich der Wind gedreht hat, ist Teetee vom Erdboden verschluckt. Ein Fall für die selbsternannten Detektive der Klasse 4a. Sie beziehen Posten im Eck-Laden von Herrn Mansur. Und ermitteln. Die Geschichte spielt natürlich vor der Pandemie, so dass keine geschlossenen Läden und Kontaktverbote vorkommen. Dass Teetee fort ist, reicht. Wurde sie entführt, oder versteckt sie sich gar in ihrer Tasche, um selbst einem Dieb aufzulauern, der es auf ihre Villa abgesehen hat? Eine Geschichte, die an den Erich-Kästner-Klassiker „Emil und die Detektive“ erinnert, nicht nur wegen der Parole im Titel. In der modernen Auflage gibt es Smartphones und Spätis und es geht darum, dass Kinder lernen, zusammenzuhalten. Autorin Antje Herden trifft mit Teetees Beobachtung, dass Mobilität und Digitalisierung eben nicht nur Imagefaktoren im Kinderbuch sind, sondern auch Hemmnisse, die es Kindern schwer machen, aufeinander zuzugehen, ins Schwarze.
empfohlenes Lesealter: Kl. 3/4
Schlagworte: Krimi, Bande, Klasse, Einsamkeit, Familie, Zuhause, Trennung, Eltern, Freundschaft

Marianne Kaurin: Irgendwo ist immer Süden. Woow Books, 240 Seiten, 15 Euro.

Nach den Ferien ist vor den Ferien. Das Buch spielt im Sommer, aber es spricht nichts dagegen, es im Herbst, Winter oder Frühling zu lesen. Die Bedeutung des Reisens wird überschätzt! Inas Mutter ist alleinerziehend und kann keinen Urlaub für sich und die Tochter bezahlen. Ina schämt sich dafür – und lügt. Sie erzählt ihren Mitschülern, sie fahre „in den Süden“. Das hört Vilmer, der Junge, der ins Haus gegenüber eingezogen ist. Auch er bleibt in den Sommerferien zu Hause, weil seine Familie „pleite ist“, wie er zugibt. Von seinem Zimmer aus sieht Vilmer in Inas Zimmer und bald fliegt ihre Lüge auf. Statt zu petzen, inszeniert Vilmer Urlaub im Süden und beide gestalten eine leerstehende Hausmeisterwohnung zum perfekten Feriendomizil um. Bis das Paradies entdeckt wird. Nun ist Ina dran, zu ihrem neuen Freund zu stehen, was ihr zunächst nicht leicht fällt. Eine ermutigende Geschichte darüber, Träume zuzulassen, ohne die Wirklichkeit auszublenden.
empfohlenes Lesealter: Kl. 5./6.
Schlagworte: Freundschaft, Schule, Geheimnis, Lügen, Ferien, Sommer

Susin Nielsen: Adresse unbekannt. Urachhaus, 284 Seiten, 17 Euro.

Felix und seine Mutter Astrid leben in einem VW-Bus. Das klingt erst mal cool, in Zeiten von Corona auch nach Freiheit, Gang einlegen und auf Abstand gehen bzw. fahren. Doch die Lage ist ernster. Mutter und Sohn sind obdachlos geworden, vom Zuhause auf Rädern abgesehen herrscht Ebbe in der Familienkasse, denn Astrid verdient als freischaffende Künstlerin wenig. Zudem ist sie ziemlich eigenwillig, lügt häufig, klaut des öfteren, macht ihrs. Zwischen den Zeilen wirkt sie wie eine erwachsene Pippi Langstrumpf, prompt macht die Autorin aus Astrid (!) eine Kanadierin mit schwedischen Wurzeln, die ihren Sohn „Lilla Gubben“ ruft (übersetzt: „Kleiner Kerl“, so heißt im Original Pippis Apfelschimmel, den wir als „Kleiner Onkel“ kennen). Die Rollen sind vertauscht, Felix übernimmt Aufgaben, die eigentlich „Elternsache“ sind. Er führt etwa ein Buch über Astrids Diebstähle in der Absicht, die Schulden irgendwann zu begleichen. Vielleicht mit dem Preisgeld, das er bei der Teilnahme an einer TV-Quizshow zu gewinnen hofft. Unterstützung sichern ihm seine Freude Dylan und Winnie zu, die zu Felix halten, egal ob er bald wieder eine feste Adresse haben wird, oder nicht. Einfühlsam erzählt das Buch, wie man Verantwortung mit Kindern teilt, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Hinweis: Kanada, Heimat der Autorin Susin Nielsen, wäre Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2020 gewesen!
empfohlenes Lesealter: Kl. 5./6.
Schlagworte: Familie, Pubertät, Armut, Lügen, Schule, Freundschaft, Astrid Lindgren, Kanada

Sandra Niermeyer, 9 Tage mit Okapi, Magellan, 200 Seiten, 14 Euro.

In der Umkleidekabine des Bekleidungsgeschäftfs will Lale schnell in ein Kleid schlüpfen, dabei stolpert sich fast über – ein Okapi. Diese afrikanische Kurzhalsgiraffe, deren Hintern gestreift ist wie bei einem Zebra, ist an sich schon ein ungewöhnliches Tier. Im Kinderbuch ist es das erst recht. Und dann braucht das Okapi auch noch eine Strumpfhose. Lale ist verwundert, aber hilfsbereit, und kann sogar ihre Mutter überzeugen, das Tier bei sich zu Hause
aufzunehmen. Das dicke Ende kommt, als Lale die Geschichte ihres neuen Mitbewohners erfährt: Das Okapi ist abgehauen, weil es gemobbt wird. Andere Tiere spotten über seinen dicken Streifenhintern – so erklärt sich der Wunsch nach einer Strumpfhose. Die kaschiert. In neun Tagen mit Okapi entschlüsseln Lale (und der Leser), wie die Geschichte auf ihre eigene Klassensituation passt. Lales Mitschülerin Nora wird nämlich ebenfalls aufgrund ihres Aussehens gemobbt, darunter auch von Lales bester Freundin. Lale merkt, dass sie zwar nicht die treibende Kraft ist, aber auch nicht die, die widerspricht. Das muss sich ändern. Sandra Niermeyer hat in ihrem zweiten Kinderbuch ein ernstes Thema gut umgesetzt.
empfohlenes Lesealter: Kl. 3
Schlagworte: Okapi, Tiere, Schule, Mobbing, Mut, Freundschaft, Außenseiter

Markus Orths: Luftpiraten. Ueberreuter. 256 Seiten, 14,95 Euro.

Wer schon mal im Flugzeug saß, hat Bekanntschaft mit Luftlöchern geschlossen. Die lassen die Maschine plötzlich absacken und sorgen bei Passagieren für Magenkribbeln. Möglich, dass so ein Erlebnis den Karlsruher Markus Orths zu seinem Kinderbuch inspirierte: „Luftpiraten“ erzählt von den Bewohnern der Luftlöcher. Es sind übel riechende, übel gelaunte Wesen, die Gegner mit Blitzen niederstrecken. Luftpiraten lernen das in der Schule. Ausgerechnet bei seinem Sohn Zwolle muss Lehrer Adiaba eine Ausnahme machen. Zwolle will weder blitzen noch fluchen, dafür kann er Stürme in Schach halten und nimmt es sogar mit Franka auf, Tochter der gemeinsten Luftpiratin aller Zeiten. Die erweist sich dann aber als gar nicht mal so schlechte Gefährtin. Die Entdeckung beim Lesen sind die Sprachspiele rund ums Thema Luft. Beispiele: „Geflügelte Worte“ oder die „Windschleiche“.
empfohlenes Lesealter: Kl. 4
Schlagworte: Abenteuer, Piraten, Himmel, Schule, Außenseiter

Verena Petrasch: Der Händler der Töne. Beltz, 350 Seiten, 16,95 Euro.

Fantastische (Tier-)Wesen, und wo sie zu finden sind: In Verena Petraschs Büchern stehen die Chancen gut. Die Österreicherin schuf mit ihrem Debüt „Sophie im Narrenreich“ bereits einen Mikrokosmos einprägsam-verschrobener Figuren. Dem Stil bleibt sie in Buch zwei treu. Diesmal geht es um eine Reise, die Magie des Zusammenhaltens, und jede Menge Melodien. Der Junge Noé hat ein absolutes Gehör und als Lehrling des Händlers der Töne das große Los gezogen. Einzige Einschränkung: Noé muss seine Freundin Minu zurücklassen. Die aber kann perfekt singen, und so ergänzen sie sich zu einem wunderbaren Team, das sich wieder vereinen muss. Das ist Gegenstand des Buches. Klingt unspektakulär und kommt mit wenig Action aus. Umso mehr Detailliebe verwendet Petrasch auf die Gestaltung der Figuren, Orte und Töne. Faune, Greifen und Drachen tummeln sich an Orten, die der Aussprache nach irgendwo zwischen Island, Finnland und Wales liegen dürften. Einzig das Rätsel des Händlers der Töne, dem die Kinder auf die Fährte kommen, wird im Kontrast zur beeindruckenden Kulisse doch recht flott abgehandelt. Da geht unnötig Spannung drauf. Ein Schatzkästchen von einem Kinderbuch, das man nicht vorschnell aus der Hand legen darf. Gleichwohl: Für Grundschüler ist es schon ein Wälzer. Daher: Das Lesealter besser etwas anheben!
empfohlenes Lesealter: Kl. 5
Schlagworte: Reise, Magie, Musik, Fabelwesen, Gesang, Rätsel, Fantasie

Thomas Taylor: Malamander. Die Geheimnisse von Eerie-on-Sea. Hanser, 288 Seiten, 17 Euro.

Jules Verne trifft an der Küste Englands auf Charles Dickens: Das Städtchen Eerie-on-Sea wirkt aus der Zeit gefallen, eingestaubt, etwas unheimlich, was der Name schon andeutet („eerie“). Herbie Lemon führt das Fundsachenbüro des baufälligen Jugendstil-Hotels an der Promenade, wo ihn eines Tages Violet Parma überrascht. Damit, dass sie sich selbst zur Fundsache erklärt. Ihre Eltern haben sie vor zwölf Jahren in Eerie-on-Sea zurückgelassen. Ihre Spur verliert sich am Strand. Violet weiß, dass ihr Vater dem sagenhaften Fischmenschen Malamander auf der Spur war, dessen Existenz den Ort spaltet: Gibt es ihn nicht, verliert Eerie seine Sogwirkung, gibt es ihn, sind die Bewohner in Gefahr. Violet kann Herbie trotzdem überreden, dem Rätsel – buchstäblich – auf den Grund zu gehen und nebenbei einen Fluch zu beenden. Das Buch gewinnt durch seine verschrobenen Figuren und die wunderbar ungewöhnliche, aristokratische Sprache Herbies. Schön, dass sich die deutsche Übersetzung (aus dem Englischen von Claudia Max) soviel Mühe gegeben hat.
empfohlenes Lesealter: Kl. 4
Schlagworte: England, Meer, Fischwesen, Geheimnis, Räsel, Abenteuer, Fluch

Christina Wolff: Die Magier von Paris. Hummelburg, 256 Seiten, 16,99 Euro.

Die Zauberer Felistin, Aristide und Balthasar wetteifern seit Kindertagen, wer von ihnen der beste Magier in Paris ist. Felistin zieht stets den Kürzeren, weil er mit Stimmungen zaubert, einer „Technik“ die Aristide und Balthasar spöttisch belächeln. Frustriert zieht sich Felistin zurück und schwört Rache. Jahrzehnte später hat er die Gelegenheit dazu, er raubt die Mona Lisa, das berühmteste Bild des Pariser Museums Louvre. Aristide und Balthasar hat er vorher aus dem Weg geräumt, aber nicht mit ihren Kindern Claire und Rafael gerechnet. Sie tun sich zusammen – und beschließen, das Bild zurückzustehlen. Christina Wolffs Debüt steckt voller schöner Einfälle, die bis in die Nebenfiguren stimmig erzählt sind: So hat Claire einen Geist als Helfer, Rafaels Haustier ist ein sprechender Siebenschläfer. Sie zaubert mit Alchemie, er mit Hilfe seiner Geige und der Musik – wobei es auf der Mitte des Buches eine Überraschung gibt. Helfend zur Seite steht beiden Claires Zauberer-Ahnenreihe, die mit den Kindern durch die Gartenmauer kommuniziert. Das Buch ist spannend und leicht lesbar. Die Geschichte und ihre beiden Hauptfiguren kommen sehr jung daher, ob seines Umfangs ist das Buch aber noch nichts für Leseanfänger.
empfohlenes Lesealter: Kl. 4
Schlagworte: Paris, Magie, Streit, Diebstahl, Mona Lisa, Alchimie, Geist

Anna Woltz: Haifischzähne. Carlsen, 96 Seiten, 7,99 Euro.

John Greens Stil ist dem der Niederländerin Anna Woltz‘ Bücher vergleichbar, und zwar nicht, weil beide eine Buchfigur namens Alaska hervorbrachten. Sie erzählen vielmehr die Probleme der erwachsenen Welt zu einem Zeitpunkt, an dem klar ist: Langsam müssen sich die Figuren auf den Abschied von der Kindheit einstellen. Was nicht das Ende von Fantasie und Sorglosigkeit bedeuten muss, solange man an sich glaubt und rechzeitig Verbündete, Freude sucht. Und findet. Im jüngsten – definitiv schmalsten – Buch von Anna Woltz sind das Atlanta und Finley, die mit ihren Fahrrädern und zwei Haifischzähnen als Glücksbringer, irgendwo muss der Titel der Erzählung ja herkommen, um das Ijsselmeer radeln. Beide haben eine Mission und Problem, mit dem sie sich während der Tour abstrampeln. Was nach viel Stoff klingt, ist erstaunlich fix durcherzählt – und trotzdem glaubhaft, auch sprachlich.
empfohlenes Lesealter: Kl. 4
Schlagworte: Radtour, Familie, Ausreißen, Reise, Niederlande, Mut