Junge Nische, Lesefördernde

Passendes Coming of age: jugendbuchtipps.de wird 18

Jugendliteratur aus den vergangenen 18 Jahren säumt die Regale in seinem Flur. Als Ulf Cronenberg während des Gespräches der Name einer Autorin partout nicht einfällt, sagt er nicht „ich google schnell“, er sagt „ich gehe zum Bücherregal und sehe nach“. Das geht wirklich schnell, angesichts der Menge an Lesestoff. Ein Griff, Klarheit: Tamara Bach war die Gesuchte, das Buch „Wörter mit L“. Es ist ab elf Jahren, ungewöhnlich jung angesetzt für eine Besprechung auf jugendbuchtipps.de. Auf Ulf Cronenbergs renommierten Blog, einem der langlebigsten, wenn nicht dem dienstältesten in Sachen Jugendbuch, der 2021 volljährig wird, geht es sonst um Titel für Jugendliche und junge Erwachsene. „Wörter mi L“ passt hinein, weil es behutsam und unaufdringlich das Coming of Age der Protagonistin ankündigt. Womit wir beim Thema wären.

Nicht alle Bücher, die Ulf Cronenberg liest und rezensiert, ergattern einen Platz im Bücherflur. Das Gros spendet er an Büchereien. Sonst wäre Anbauen überfällig. Eine Kollegin, die von Jugendbüchern begeistert war, lenkte einst den Fokus des Würzburgers auf diesen Bereich  erzählender Literatur, der im Deutschunterricht seiner Einschätzung nach leider ein Nischendasein fristet. „Der Lehrplan gibt das nicht her, zumindest hier in Bayern nicht. Am ehesten liest man Jugendbücher in Klasse 5 bis 6, dann nimmt das stetig ab. Ab Klasse 10 kommt das Jugendbuch gar nicht mehr vor.“ Lesen sei dann nur noch etwas für diejenigen, die zuvor schon gerne geschmökert haben. „Die anderen verliert man für das Medium Buch. Corona hat diesen Gegensatz noch verschärft“, fürchtet er.

2003 veröffentlichte Ulf Cronenberg seine ersten Rezensionen online. Vor etwas mehr als zehn Jahren erhielt der WordPress-Blog seine jetzige Form. Jugendbuchtipps.de bewertet und verschlagwortet Texte so, dass ein Überblick sowohl thematisch und alphabetisch als auch vom Lesealter her funktioniert. „Die ersten Beiträge waren noch recht kurz und teilweise sehr naiv“, sagt Ulf Cronenberg rückblickend. Inzwischen gilt seine Einschätzung vielen in der Branche als verlässliches Urteil, weil sie die Notwendigkeit zur Kritik nicht ausblendet. Jugendbuchtipps werden ihrem Namen zwar gerecht, „ich bin gnädig mit meinen Punktzahlen, es geht ja um Leseförderung“, aber ein scharfes Auge und den Mut, dass man an Bücher auch etwas kritisieren darf und sollte, will er seinen Lesern/innen ausdrücklich vermitteln:

Am Ende des Textes muss man wissen,
ob und warum ein Buch gut ist.

Ulf Cronenberg

Viele Multiplikatoren, Lehrer*innen, Bibliothekare*innen, Medienschaffende, informieren sich auf den Seiten, welche Titel den Alltag der jungen Zielgruppe am besten wiedergeben. 2008 wurde Ulf Cronenberg in die Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises berufen – vorgeschlagen von einem Leser des Blogs. Bis 2012 war der Pädagoge Juror in der Sparte Jugendbuch, hat aber auch die Auswahlliste im Kinder- Sach- und Bilderbuch mitgelesen. Für ihn, der auch Bilderbücher liebt, ein bereichernder Abstecher, von dem seine Schüler, damals eine sechste Klasse, profitierten: „Mit ihnen habe ich eine Jurysitzung simuliert. In Kleingruppen haben die Sechstklässler Bilderbücher bewertet. Das war eines der besten Leseförderungsprojekte in meinem Unterricht.“

Was nimmt ihn für junge Literatur ein? „Dass sie zugänglich ist, Entwicklungen aufzeigt, wichtige Themen aufgreift.“ Erwachsenenliteratur empfindet er als sperriger, wohingegen im Coming of age bewegte Themen drinsteckten, denen sich auch Erwachsene weiterhin widmen sollten: der Suche nach sich selbst. „Diese Grundthemen“, sagt Ulf Cronenberg, „sind über die Jahre in der Jugendliteratur dieselben geblieben. Die Welt dagegen hat sich in vielem verändert, alles ist verwobener geworden.“

Bisher habe er sich „nicht durchringen können“, seine Buchempfehlungen auch auf Instagram zu verorten. Dass dort seine Zielgruppe unterwegs ist, weiß er. „Wie und ob Jugendliche jugendbuchtipps.de nutzen, hat sich stark verschoben, ja. Instagram ist ein Leitmedium zur Informationsbeschaffung geworden.“ Die verwobene Welt gibt auch im Jugendbuch mehr und mehr den Takt vor, was und wie Jugendliche lesen.

Den Zeitpunkt, als Ulf Cronenberg seinen Blog auf WordPress umstellte, beschreibt er im Rückblick als einen „Aufbruch“ im Jugendbuch, in dem sich neue Stimmen Gehör verschafften, die ihre Leser sprachlich herausforderten, in Anspruch nahmen. Zuerst fällt ihm die Stadtrand-Trilogie von Nils Mohl ein, deren Band eins „Es war einmal, Indianerland“ den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat. Dieselbe Kraft im Storytelling sieht Ulf Cronenberg bei der Österreicherin Gabi Kreslehner, bei eben Tamara Bach, bei Finn-Ole Heinrich. Insgesamt sei die verheißungsvolle Neuausrichtung vor knapp zehn Jahren bescheiden geblieben. „Derzeit könnte ich nicht auf Anhieb sagen, was eine typische Stimme deutscher Jugendliteratur heute ist.“ Vielleicht ist das schon Aussage genug: Jugendliteratur ist insgesamt flüchtiger geworden.