12. Dezember

„Malamander“ war 2020 eins der gelungensten Kinderbücher, deshalb muss ich hier gegen einen meiner Grundsätze der Leseförderung verstoßen, der lautet: Ich bespreche keine Sequels. Denn: Ein gutes Buch steht für sich – und die Fortsetzung eines guten Buches findet ohnehin ihre Leserinnen und Leser. Meine Lesefüchse zum Beispiel.

Als die Kinder „Gargantis“, die „Malamander“-Fortsetzung, in die Hände bekamen, war die erste Frage, die sie (und ich) stellten: „Versteht man die Geschichte, wenn man Teil eins nicht kennt?“ Antwort: Ja. Nicht bis ins Detail, aber soweit, dass man sich gut in das Buch vertiefen kann.

Herbie Lemon, Page im Fundbüro des Grand Nautilus Hotels, und seine Co-Ermittlerin Violet Parma bekommen es erneut mit einer maritimen Legende zu tun. In ihrem Wesen ist sie jedoch weniger brutal als der Fischmensch Malamander. Gargantis ist eine Meeresströmung, von der es heißt, ihr Strudel sei das Auge eines Ungeheuers auf dem Meeresgrund. Sobald Gargantis erwacht, hat der kleine Ort Eeerie-on-Sea ein Problem – er droht zu ertrinken. Als ein Sturm aufzieht, fürchten alle die Erfüllung der Prophezeihung.

Dass Herbie und Violet der Sache auf den Grund gehen – im Wortsinne – erfolgt notgedrungen, weil ihnen ein wichtiges Schlüsselrequisit des Rätsels von Gargantis vor die Füße gespült wird und sie zu Gejagten macht: Eine Flasche mit grünem Glibber. Und das soll wichtig sein? Genau, weil der Inhalt der Flasche nicht nur aus grünem Glibber besteht. Ihn hat ein eher bösartig-besessener Zeitgenosse Gargantis entrissen. Fast logisch, dass sie auf Rache sinnt, und darauf den Täter zu stellen.

Im Verhältnis spielen sich 50 Prozent der Handlung an Land ab, 50 Prozent auf oder unter Wasser. Zwei Fischer schlagen sich auf die Seite der Kinder, indem sie an den entscheidenden Stellen die richtigen Beiträge zur Lösung des Rätsels liefern: Geheimschrift, ein Boot mit selbstgebautem Windkraft-Antrieb, ein Skipper, der bei Violets Anblick zu Hochform aufläuft. Gargantis ist eine gigantische Schnitzeljagd, in der Malamander-Leserinnen und -Leser am Ende einen Strategievorteil haben: Sie kennen den Gegner der Kinder und sehen den Showdown voraus. Alle anderen dürfen sich überraschen und mitreißen lassen.

Zum Buch:
„Gargantis“ von Thomas Taylor ist als gebundene Ausgabe bei Hanser erschienen. Ab 10 Jahre.